Die Schweiz steht vor einer arbeitsmarktpolitischen Zäsur. Die gegenwärtig steigende Arbeitslosigkeit lässt den Eindruck entstehen, der Arbeitskräftemangel hätte sich entschärft. Das Gegenteil ist der Fall. Die aktuelle Lage verdeckt lediglich eine strukturelle Realität. Schon bald werden wir nicht nur in einzelnen, sondern in allen Branchen zu wenig Personal haben. Die demografische Entwicklung ist unbarmherzig: Die Babyboomer gehen in Pension, während deutlich weniger Menschen nachrücken. Ohne Gegensteuer entsteht auf dem Arbeitsmarkt ein Engpass, der unseren Wohlstand und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Diese Entwicklung besorgt swissstaffing, den Verband der Personaldienstleister in der Schweiz, seit Längerem und hat uns als Vorstand dazu veranlasst, in diesem Bereich einen klaren, strategischen Schwerpunkt für die nächsten fünf Jahre zu setzen: Das Potenzial der älteren Arbeitnehmenden muss konsequenter genutzt werden – bevor uns die demografische Welle überrollt.
Die 50/65+ sind der grösste ungenutzte Arbeitskräftepool
Die Debatte über ältere Erwerbstätige wird kontrovers und moralisierend geführt. Auf der einen Seite reden wir über Altersdiskriminierung und mangelnde Erwerbsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite entwickelt sich eine ganze Industrie um das Thema Frühpensionierung und deren Planung. Diese Diskussionen passen nicht zu der Realität eines Landes, das in absehbarer Zeit zu wenig Arbeitskräfte haben wird. Die Wirtschaft ist dringend auf erfahrene Arbeitskräfte angewiesen. Sie sind die grösste verfügbare Reserve für den Arbeitsmarkt, die wir haben. Dazu handelt es sich um Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung, hoher Berufsethik und starkem Engagement. Viele von ihnen dürften bereit sein, länger zu arbeiten – sei es in Teilzeit, projektbezogen oder in flexiblen Einsatzmodellen. Trotz ihres Potenzials scheitert die Weiterarbeit heute häufig an unnötigen Hürden: steuerliche Nachteile, komplexe sozialversicherungsrechtliche Regeln, veraltete Vorstellungen in Unternehmen und oftmals fehlende Wertschätzung für die erbrachte Leistung. Das sind ökonomische Fehler, die wir uns schlicht nicht mehr leisten können. Die Temporärarbeit zeigt bereits heute, wie erfolgreiche Integration gelingt: Die Arbeitsform ist erfolgreich, weil sie bürokratische Hemmnisse senkt, flexible Einsatzmodelle bietet und passgenaue Einsätze ermöglicht, wo Kompetenz und Erfahrung den grössten Mehrwert schaffen.
Hürden abbauen statt Chancen verbauen
Viel zu oft setzen wir heute Anreize fürs Aufhören. Das müssen wir korrigieren und stattdessen konsequent Anreize für die Weiterarbeit schaffen. Dazu braucht es keine grundlegende Systemumstellung, sondern pragmatische Reformen: Vereinfachungen bei der Weiterarbeit über 65, flexiblere Übergänge und eine moderne Sicht auf das Arbeiten im Alter. Die jüngst in Deutschland eingeführte Aktivrente ist in diesem Kontext ein Signal zur richtigen Zeit. Sie zeigt, wie unkompliziert und wirkungsvoll Lösungen zur Förderung der Arbeit im Alter sein können: Wer nach der Pensionierung weiterarbeiten möchte, profitiert steuerlich. Die Schweiz muss das Modell aus Deutschland nicht kopieren, sollte sich davon aber inspirieren lassen. Ein steuerlicher Bonus für die Weiterarbeit nach der Pensionierung wäre ein starker, überfälliger Weckruf. Er wäre ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber erfahrenen Arbeitnehmenden und ein Signal an die Gesellschaft, wie dringend wir auf ältere Arbeitskräfte angewiesen sind.
Was swissstaffing tut und wohin wir wollen
Die Integration älterer Arbeitnehmender wird für swissstaffing in den kommenden fünf Jahren ein klarer strategischer Fokus sein. Im Rahmen dieser strategischen Initiative wollen wir verstehen, welche Barrieren ältere Menschen am Arbeiten hindern, wie die Temporärbranche diese Hürden weiter abbauen kann und welche politischen sowie administrativen Reformen notwendig sind, damit das Arbeiten im Alter einfacher wird. Dabei werden wir sowohl die Perspektive der Arbeitnehmenden als auch die der Unternehmen beleuchten. Dazu gehört die Analyse, wie die Temporärbranche bereits heute erfolgreiche Integration ermöglicht. Solche Entwicklungspfade müssen sichtbarer gemacht werden – auch durch Information und Sensibilisierung der verschiedenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anspruchsgruppen. Parallel dazu werden wir politische Konzepte erarbeiten, um steuerliche, administrative und sozialversicherungsrechtliche Hürden zu reduzieren. Das Ziel der Initiative ist klar: Wir wollen ein Umfeld schaffen, das älteren Erwerbstätigen das Arbeiten erleichtert und den Unternehmen den Zugang zu dringend benötigten Fachkräften sichert.
Wir müssen jetzt handeln – für unsere Wettbewerbsfähigkeit
Der demografische Wandel ist Realität. Wenn wir unsere Wirtschaft stärken wollen, müssen wir alle Generationen einbeziehen und traditionelle Altersgrenzen neu denken. Die Temporärarbeit ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Sie verfügt über die Flexibilität, die es braucht, um erfahrene Arbeitskräfte dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Doch damit dieses Potenzial Wirkung entfalten kann, braucht es gezielte Signale der Politik: Anreize statt Hemmnisse und eine Mentalität des Möglichmachens statt Bürokratie ohne Sinn.